Geschichte der Juden in Brest-Litowsk

Von Rabbiner Dr. A. Tänzer - Göppingen

Armeerabbiner der Bugarmee.


Berlin 1918

Verlag von Louis Lamm.


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Synagogen

Vom Könige Sigmund I hatten, wie schon erwähnt, die Brester Juden 1511 die Erlaubnis erhalten, eine neue schöne Synagoge zu erbauen. Diese galt allgemein als die größte in ganz Polen und soll ihrer vielfach in alten Landesbeschreibungen gedacht sein. Sie wurde 1842 als letztes Gebäude der alten Stadt niedergerissen. In ihrer Nähe standen die Fleischbänke der Gemeinde, deren Miete und Steuer einen großen Teil der Gemeindeeinnahmen bildete. Für deren Niederreißung, nicht aber für die Synagoge, erhielt die jüdische Gemeinde damals von der Regierung eine einmalige Schadensvergütung im Betrage von 8000 Rubel, der beim Baue einer Synagoge in der neuen Stadt Verwendung finden sollte. Als man die Synagoge in der alten Stadt niederriss, fand man in einer Mauer derselben eine Tafel mit einer hebräischen Inschrift folgenden Inhaltes: „Der vornehme, gelehrte Rabbi Saul, Sohn des Rabbiners Samuel Jehuda aus Padua, erbaute die Frauensynagoge zum Andenken an seine Gattin Debora S. A., die fromme und tugendhafte Tochter des R. David Drucker s. A......“ Die fehlenden Worte konnten nicht mehr entziffert werden. Die Tafel wurde dann im Vorraum der „Großen Synagoge“ in der neuen Stadt untergebracht, doch konnte ich sie dort 1915 nicht mehr finden.

Mit der Ansiedlung in der neuen Stadt fanden sich auch dort wieder zunächst die Bruderschaften in Betstuben zusammen. Es ist eine alte, in ganz Polen, Litauen usw. verbreitete Gepflogenheit, daß gesinnungsverwandte Leute, anstatt die große Gemeindesynagoge zu besuchen, es vorziehen, sich auf eigene Kosten ein gemeinsames Betlokal, zumeist eine einfache Stube, einzurichten.

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Man wollte so gewissermaßen auch beim Beten unter sich sein, um sich ungestört der Andacht hingeben zu können. Die Gemeinschaft einer derartigen Betstube baute sich auf verschiedene Grundlagen auf. Gleichartige religiöse Anschauung, gleichartige Gebräuche beim Gottesdienste, oft auch die gemeinsame Verehrung für einen bestimmten Wunderrabbi, zuweilen auch der gleiche bürgerliche Beruf führten zum Zusammenschluss. Außerdem hatten auch alle größeren Vereine ihre eigenen gemeinsamen Betlokale, oft hübsch ausgestattete kleine Synagogen im eigenen Hause. Da diese Betstuben auch in der Regel dem Zwecke gemeinsamen Studiums religiöser Schriften dienen, woher auch ihre Bezeichnung als „Beth Hamidrasch „ (Haus der Forschung) rührt, ist oft auch die Auswahl der benützten Bücher maßgebend für den Anschluss an eine Brüderschaft. Und dieser Anschluß bzw. die Aufnahme als Mitglied in eine solche Brüderschaft war nicht leicht zu erlangen und ist vom Neuaufgenommenen stets als eine Ehre betrachtet worden, die ihn veranlasste, der Betstube eine fromme Spende zuzuwenden. Solche Betstuben hatte Brest-Litowsk in neuerer Zeit 50 aufzuweisen, worunter 28 größere Betlokale. Jede dieser Betstuben nannte eine vollständige Synagogeneinrichtung und eine große und oft wertvolle theologisch-wissenschaftliche Bibliothek ihr eigen. Die Beschaffenheit der letzteren gestattete stets einen Schluß auf die Brüderschaft selbst. Jedes derartige Betlokal unterstand, ebenso wie die 2 Gemeindesynagogen, der Verwaltung und Aufsicht eines gewählten Vorstandes von 3 Mitgliedern.

Diese Brüderschaften mit ihren Betstuben ließen nun in der ersten Zeit der Ansiedlung in der neuen Stadt den Bau einer Gemeindesynagoge als noch aufschiebbar erscheinen. Man konnte erst das Gemeindeleben erstarken lassen. Nachdem dann noch einige Jahre über die Wahl eines geeigneten Platzes in der neuen Stadt dahingingen, ließ man endlich einen Bauplan anfertigen. Dieser bedurfte der Genehmigung des Zaren wie jeder Synagogenbau, der über 10,000 Rubel kostete. Und als diese endlich 1851 aus Petersburg eintrat, konnte mit dem Neubau begonnen werden. Da für diesen außer den schon erwähnten 8000 Rubeln keinerlei Kapital zur Verfügung stand, war man für den großen Rest auf freiwillige Spenden angewiesen, was den Bau auch nicht beschleunigte.

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Dazu kamen noch Streitigkeiten wegen der Vergebung der Sitzplätze, so daß der Synagogenbau erst nach 11 Jahren beendet werden konnte. Am jüd. Neujahrsfeste 5622 (1862) fand der erste Gottesdienst in der neuen „Großen Synagoge“ statt. Jedoch war diese zunächst nur äußerlich fertig. Innen fehlte jede Ausschmückung, desgleichen Vorhänge, Thoraschmuck und verschiedenes Synagogengerät. Allmählich ward auch dies durch Spenden von Vereinen und Privaten angeschafft und im Jahre 1878 die innere Ausstattung vollendet. Das hochherzige Legat eines Chaim Josep Schereschewsky im Betrage von 1000 Rubeln ermöglichte damals zusammen mit anderen Spenden die Anfertigung des kunstvollen „Heiligen Schreines“ an der Ostwand. Diese „Große Synagoge“, an einer der Hauptstraßen der Stadt gelegen, hat verhältnismäßig wenig durch den Krieg gelitten und ist – vor Gotteshäusern haben die Kosaken mehr Scheu als ihre englischen und französischen Kampfgenossen - bei der planmäßigen allgemeinen Zerstörung im August 1915 verschont geblieben. Sie präsentiert sich als ein stattlicher achteckiger, oben spitz zulaufender Bau von etwas über 2 Stockwerk Höhe. Sie steht mitten in einem großen freien Platze, der nach der Straßenseite durch eine Mauer abgeschlossen ist. Ein Hauptportal in dieser führt zum Haupteingang der Synagoge, die noch 2 Seiteneingänge besitzt. Aus einem Vorraum gelangt man in die eigentliche Synagoge, die einen imposanten Eindruck macht. Sie dürfte etwa 800 Personen in 4 Bankreihen fassen. Hübsche Malereien, Musikinstrumente nach der Psalmschilderung oder Blumengebinde darstellend, schmücken Decken und Wände, in welch letztere auch verschiedene Schränke zur Aufnahme von Büchern eingefügt sind. Die Beleuchtung geschieht mit Spiritus-Glühlampen. Oben an der Nord- und Südwand befinden sich 2 große Marmortafeln mit je einem russischen und hebräischen Gebete für Nikolaus II. Diese Gebete werden niemals wieder in diesem Hause gesprochen werden. In Stockhöhe ist die Galerie für die Frauen angebracht.

Eine weitere Gemeindesynagoge wurde im Jahre 1882 an einer sehr belebten Straßenecke errichtet. Sie ist kleiner als die erste, aber ähnlich wie diese ausgestattet.

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Sie ist äußerlich wenig beschädigt, tritt überhaupt wenig als Synagoge hervor, da sie äußerlich einem Wohnhause gleicht und zwischen Nachbarhäusern eingebaut ist. Noch 3 kleinere Bethäuser sind der allgemeinen Verwüstung entgangen, alle anderen sind vollständig zerstört.